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Wenn schon sterben, dann so

Sonstige - erlebt: August 2013

Wenn schon sterben, dann so

Wie beschreibt man den Tod eines Menschen, wenn alles gut gelaufen ist?
Dafür fehlen die Vokabeln, da sie für andere Situationen genutzt werden.

Schön, tapfer, eindrucksvoll, würdevoll. Sie passen da wohl noch am ehesten, um zu beschreiben, wenn man ohne lange Quälerei und mit Verabscheidung von seinen Lieben friedlich, mit sich im Reinen, gehen konnte. Und man sogar die eigene Beisetzung genossen hätte.

Mein Vater wünschte sich für seine Beerdigung in dieser Rangfolge:
1) Verstreut werden in Gdingen (Polen) am Steg vor der Steilküste. Seine Partnerin kommt daher, wird wieder dort wohnen und sie hatten dort schöne Momente
2) Seebestattung in der Lübecker Bucht
3) Anonym in einem Wald

Nach Internetrecherche und vielen Telefonaten hatten wir diese Optionen:
1) Urne in Empfang nehmen, eidesstattliche Erklärung unterschreiben die Urne ordnungsgemäß zu beerdigen, sie dann im Handgepäck mitnehmen nach Polen, selber ein Boot chartern oder (hoffentlich ohne Gegenwind) die Asche zu verstreuen
2) Seebestattung auf einer Motoryacht in der Lübecker Bucht

Option 1 schied aus, Option 2 war ok. Dann ergab sich Option 3:
Die Seebestattungs-Reederei Albrecht bot an: Transport der Urne bis Gdingen und dortige Seebestattung. Volltreffer. 100% Zielerfüllung.

Genau eine Möglichkeit der Seebestattung in Polen - genau in Gdingen, wo er hinwollte. Bei unzähligen Städten an der polnischen Küste.
Mit genau dem einzigen schönen angebotenen Boot, einem alten Holz-Zweimaster-Segelschiff, statt den anderen unpersönlchen Motorbooten. Mein Vater segelte gerne.

Danzig, am Tag vor der Seebestattung. Den ganzen Tag sehen wir keinen Blumenladen. Gegen 18 Uhr quengle ich, dass wir noch Blumen brauchen und morgen früh keine mehr bekommen. 3 Minuten später stehen wir vor drei Blumenläden - auch noch Friedhofsblumen - mitten in Danzig.

Wenn schon sterben, dann so

Um 10:30 Uhr geht es los und wir nehmen Kurs auf die Steilküste und den Steg. Bei perfektem Wetter - Sonne, recht ruhiger See, etwas Wind zum Segel hissen. Im Abstand der 3-Meilen-Zone gibt der Kapitän 8 Glockenschläge, die sonst bedeuten "Kapitän geht von Bord". Die Urne wird zu Wasser gelassen, wie von uns gewünscht ohne Worte, nur Wellen und Wind. Sie wird sich in 24 Stunden auflösen. Wir werfen ein paar weiße Rosen und Lilien hinterher. Es folgen drei Ehrenkreise des Bootes um die Position und die dahintreibenden Blumen. Bei der letzten Runde spielt ein Trompeter "My way" von Frank Sinatra. Auch mein Daddy spielte früher Trompete. Auch wieder ein schöner Zufall, von dem wir nichts wussten. Wir stoßen mit mitgebrachtem Rotwein an und nehmen Kurs auf den Hafen. Es ist eine sehr würdevolle und "schöne" Verabschiedung. Ohne Wettrüsten um die größten Kränze, keine lieben oder liebgemeinten Spruchbänder, einfach nur wir dabei.


Diagnose

Vor fünf Jahren kam die Diagnose Prostatakrebs. Daddy war guter Dinge, da es mittlerweile gute Therapien gibt und zwei Freunde gute Erfahrungen hatten. Die OP verlief auch soweit gut, nur machte danach die Blase Ärger. Ständig Blasenentzündungen, zu oft oder gar nicht auf Toilette können. Dazu Probleme mit
Herzrhythmusstörungen. Immer andere Therapien, Ärzte und Medikamente mit neuen Nebenwirkungen, unter anderem schlechte Nierenwerte. Es gibt schlimmeres, es gibt quälenderes, aber es zermürbt. Besuche abzusagen und statt dessen zu Hause zu hocken. Reisen abzusagen und sich statt dessen ins Krankenhaus zu legen. Nicht zu wissen wie es weitergeht.
Ab April wollen die Beine nicht mehr wie er will. Laufen klappte immer schlechter und wackeliger. Im Juni kam ein Arzt auf die Idee einen Ganzkörperscan zu machen. Sie finden Metastasen in der Lunge und im Rückenmark, die wohl die Nerven zu den Beinen abklemmen. Eine harte Behandlung scheidet wegen den eh geschädigten Nieren aus. Bleiben sanftere Pillen.
Im Juli sind wir in Grönland. Die Nachricht kurz vor der Heimreise, dass wir ihn doch nach Ankunft besuchen sollten verheisst nichts Gutes.
Beim Besuch fällt das Wort "austherapiert". Er bekommt palliative Unterstützung und einen Pflegedienst. Wir sprechen über seine Wünsche und Patientenverfügung. Ich schlage ihm einen Rollstuhl vor. Ein schmales schickes Teil, mit dem er zumindest in der Wohnung aktiv ist und nicht nur von seiner Partnerin abhängig ist. Sicherlich schwer, aber das haben Millionen Andere auch schon hinbekommen.

Dann wird er nervös. Der Katheter ist verstopft. Irgendwas ist mal wieder. Statt mit seinen Lieben ein paar Stunden zu verbringen zickt wieder irgendwas im Körper rum. Die Verstopfung kommt durch Blut. Eine Ärztin kommt, ab ins Krankenhaus. Das siebte mal dieses Jahr.
Dienstag besuche ich ihn. Wir reden erneut über die Patientenverfügung und dass er keine Lebensqualverlängernden Maßnahmen wünscht, was auch meiner Ansicht entspricht.

Letzter Abend

Am Freitag machte er uns recht deutlich klar gerne besucht zu werden.
Wir sprechen bei der Ankunft mit den Ärzten. Die Nieren geben gerade auf. Er wird langsam vergiftet. Die Blutung in der Blase stoppt nicht und die Blase wird kontinuierlich gespült. Er wird langsam verbluten. Zwei "angenehme" Todesarten, da man langsam wegdämmert ohne Schmerzen. Maßnahmen lehnt er ab. Wir sehen es genau so. Sie machen auch keinen Sinn oben Blut reinzukippen, das unten wieder rausläuft. Oder die Niere mit Dialyse, Bestrahlungen oder OP etwas länger in Gang halten. Es verlängert nur ohne zu helfen, ohne Lebensqualität zu geben. Die Ärztin sagt es kann heute Nacht oder am Wochenende passieren.
Mit dieser Nachricht haben wir nicht gerechnet. Sie war ein Schlag. Ich dachte, dass er etwas übertreibt und sich hängen lässt, als er sagte ein Rollstuhl würde sich nicht mehr lohnen. Aber es war maßlos untertrieben.
Wir atmen tief durch und gehen zu ihm ins Zimmer.
Er weiß was passieren wird. Wir auch.
Es wird ein intensiver Abend. Er ist gefasst, ruhig und entspannt. Die letzten 6 Jahre mit seiner neuen Partnerin waren toll, schade dass es nicht 10 weitere sind. Schön, dass wir uns gefunden haben. Schön, dass er gute Freunde hatte in seinem Leben. Das scheint ihm Ruhe zu geben. Zwischendurch meint er, es wäre doch schön mit einem Wein anzustoßen. Wir organisieren einen und stoßen an.

Gegen 23 Uhr sagte er: "Dann trennen wir uns jetzt". Wir verabschieden uns. Er wünscht und erhält Morphium. Am nächsten Morgen ist er schon kaum noch ansprechbar, gegen Mittag stirbt er.

Wie selten passiert so eine Verabschiedung. Wie oft passiert es, dass die Angehörigen zum Durchhalten und Kämpfen anpeitschen. Weitere Therapien und Medikamente in den Patienten reinhämmern. Und damit keine Ruhe, keine Verabschiedung möglich ist. Oder der Gehende nicht gehen kann oder will, da doch so vieles unerledigt und ungesagt ist.

Wenn schon sterben, dann so

Vor einigen Wochen bekam ich ein Fotoalbum von ihm mit Fotos seines Lebens. Die meisten aus den letzten sechs glücklichen Jahren.
Die Titelseite war ein Foto im roten Polohemd mit dem Wort "Hartmut" unten links geschrieben". Daraus kam mir die Idee statt einer Trauerkarte eine Erinnerungskarte zu verschicken. Diese Titelseite mit 3 weiteren Fotos. Geburts- und Sterbedatum nur als Randnotiz. Und dem Text "Unser Partner, Vater und Freund". Bei Telefonaten mit Schulfreunden kommt noch die Idee, dass Fotos von früher fehlen. Daher ergänzen wir eine Karte mit drei weiteren Fotos.
Das Leben und die Erinnerung steht im Vordergrund. Nicht der Tod wie bei den klassischen schwarzgeränderten Karten.
Diese Karte bringt viel Lob und den Satz "das will ich auch" ein. Man kann halt Traditionen mal überdenken.

Vorbereitung

Bonuspunkte bekommt Daddy für seine Vorbereitungen.
Ich hatte eine Generalvollmacht und Vollmachten zum Depot und Konto.
Es gibt einen Ordner mit allen wichtigen Dingen wie Vollmachten, Patientenverfügung und Testament. Und einer dreiseitigen Liste, die alles Wesentliche beschreibt :
Wo auf dem Rechner die neueste Version dieser Liste liegt, dass das Passwort auf dem Rechner steht.
Welche 12 Freunde ich informieren soll.
Die Adressen der 20 wichtigen Freunde.
Wo ein Depot und ein Schließfach sind. Wo der Schlüssel zum Schließfach ist.
Dass ich ADAC, Auslandskrankenkasse und Unitymedia kündigen solle.
Wer das Grab seiner Eltern pflegt und wo ich es kündigen kann.
Was noch in der Steuererklärung fehlt.
Und vieles mehr. Ich muss die Liste nur abarbeiten und brauche nicht durch sein ganzes Leben und alle Ordner zu surfen auf der Suche nach dem Wesentlichen. Und nicht durch ein Adressbuch mit Freunden, ehemaligen Freunde, verstorbenen Freunde oder flüchtigen Bekannten der letzten 74 Jahre.

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Kathrina 01/29/2017 15:31

Ich bin nur durch Zufall hier gelandet, auf der (Google-) Suche nach Walen (mein letzter Urlaub), dann habe ich mich festgelesen wegen Oman (einer der möglichen nächsten Urlaube) und nun sitze ich hier und heule, weil mich dieser Post eben zu Tränen gerührt hat.