Geschichten, Erlebnisse, Reiseberichte und Reisetipps von den letzten Reisen

Beschissen, beklaut, Gefängniszelle, aufgeschnittene Arme - unsere erste Stunde in St. Petersburg

Russland - bereist: August 2014

Beschissen, beklaut, Gefängniszelle, aufgeschnittene Arme - unsere erste Stunde in St. Petersburg

Nach der Landung spuckt der Geldautomat zwei 5000 Rubel Scheine aus, was zwei 100 EUR Scheinen entspricht.

Der Busfahrer kann für die Tickets von 140 Rubel, also 3 EUR wechseln. Ich zähle nach. Passt. Beim Sitzen zähle ich nochmal nach-es fehlen 500 Rubel. Er wollte sich verzählen, ich habe mich verzählt und 10 EUR Trinkgeld gegeben.

Weiter geht es mit den Koffern, also gut als Touri erkennbar, in die Metro.
Es ist nicht sehr voll. Aber beim Einteigen wird es eng, mein Koffer wird geschubst, ich werd angerempelt. Mein automatischer Griff bei seltsamen Situationen zum Portemonnaie: es ist weg. Direkt neben mir steht jemand, neben ihm, also vor mit auch jemand. Mit einer Jacke überm Arm. Ich hebe die Jacke an, sehe mein Portemonnaie, schrei ihn an, schlag aufs Portemonnaie. Es fliegt auf den Boden. Ich trete drauf, ein aufklappbares Fach mit EC und Kreditkarte ist nicht vom Fuß bedeckt. Jemand reißt es ab. Tumult. Der Typ wird gezerrt, gehalten, am T-Shirt gerissen, zu Boden gerissen. Zwei fixieren ihn auf dem Boden auf dem Bahnsteig. Eine davon war ein Mädel. Ich sehe das abgerissene Fach mit meinen Karten in ihrer Hand. Ich schreie auf Deutsch und englisch, dass sie meine Karten hat. Sie schreien sie sind von der Polizei. Hinter mir sagt einer: die sind nicht von der Polizei.
Sie steckt meine Karten in ihre Hosentasche.
Ich schreie sie an. Sie zeigen irgendeinen Ausweis. Vielleicht ein Schülerausweis, vielleicht ein Polizeiausweis.
Sie führen ihn ab, wir gehen mit. Mit uns alessio. Ein Italiener. er macht gerad Urlaub und kann gut Deutsch und Russisch. Er ist Zeuge. Oder Mitglied der Bande?

An einer Metaltür mit etwas, was wie Polizei aussieht, gehen wir rein. Der Typ kommt direkt hinter Gitter in dem kleinen, heißen, stickigem Raum.
Alessio übersetzt. Die Polizisten beginnen handschriftlich Papier auszufüllen.
Es waren Zivilstreifen, die den Gangster erkannt haben. Und ihn im Blick hielten und sofort reagierten.

Es sind 6 zivilpolizisten in St. Petersburg unterwegs. Zwei waren direkt hinter mir, als mir zum ersten mal im Leben das Portemonnaie geklaut wurde.

Während unserer Vernehmung fing der Schuft an sich seine Arme aufzuschlitzen mit einem spitzen Gegenstand. Sie holten Handschellen und das Schlitzen hatte ein Ende. Irgendwann blutete es auch nicht mehr.

Sie produzierten handgeschriebene Bögen mit detaillierten Zeugenaussagen. Alessio übersetzt tapfer. Wir unterschreiben, wieder ausfüllen von ähnlichen Formularen, wir unterschreiben. Das wiederholte sich ein paar mal.

Dann ging es im Polizeiauto mit Blaulicht zum Präsidium. Weitere handschriftliche Zettel. Wir unterschreiben. Sie schreiben handschriftliche Zettel ab, schreiben noch mehr und noch mehr.
Der Inspektor kommt und will mein Portemonnaie als Beweismittel mit allem Inhalt. Was die Diebe nicht geschafft haben, das schafft die Polizei nun ganz einfach?
Aber nein. 2 Polizisten kamen als Zeugen die Menge an Scheinchen zu bezeugen.

Der Halunke ist kein Ersttäter. Ihn erwarten bis zu 2 Jahre Knast.
Ca. 50 Seiten hatte unsere Akte, als wir um 23 Uhr nach 9 Stunden und weiteren 20 Unterschriften unter Protokollen das Präsidium mit allen Karten, allem Geld, einem zerrissenen Portemonnaie und einer krassen Reisegeschichte verlassen.

Unsere Eskorte sind die zivilen Helden von eben. Sie bringen uns 4 Dosen Bier mit und fahren mit ins im russischen Polizeiauto ins Hotel. Er hört übrigens gerne Bushido und Ramstein.

Es war zwar sehr viel Papierkram, aber Russland zeigte sich als korrekter Rechtsstaat. Mit Anwalt für den Beschuldigten und Protokollen von mehreren Zeugen. Das hätten wir anders erwartet...
Und wir haben gelernt unseren Geldsack, den wir unter der Hose tragen, nicht erst im Hotel anzulegen, sondern vor dem Abflug.

An den nächsten Tagen versöhnte St. Petersburg dann mit Kunst&Kultur, gutem Wetter, guten Essen und Prachtbauten.

Kommentiere diesen Post