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Mein erstes mal: Kunstflug

Sonstige - erlebt: Juni 2008

Mein erstes mal: Kunstflug

Wie ein kleiner Junge habe ich oft Kunstflieger bestaunt, wenn sie bei Stadtfesten oder Flugshows durch die Luft wirbelten. Und mir dabei wie ein kleiner Junge gewünscht das auch mal selber zu machen.
Senkrecht in die Luft zu schießen bis zum Stillstand, dann seitlich abkippen und runtertrudeln.
Wow.

Davon erzähle ich meinem flugbegeisterten Nachbarn und er sagt mir, dass man mitfliegen könne bei ihm auf dem Flugplatz. Er hätte es auch schon länger vor, dann können wir es ja gemeinsam machen.
Davon reden und es sich wünschen ist ja eins. Aber auf einmal die Möglichkeit haben ist ganz was anderes.

Ein gemeinsames Wochenende zu finden ist nicht so einfach. So kommt Jürgen zu dem früheren Genuß und berichtet mir mit einem riesen Strahlen im Gesicht von seinem Flug. Nu muß ich ja auch. Und eigentlich will ich ja auch.

Samstag Nachmittag Strahlendes Wetter. Viel zu schön um drinnen in einem Flugzeug zu sitzen.
Ich treffe Heinz. Ihm werde ich mein Leben und meinen Magen heute Nachmittag anvertrauen.
Er hat Familie und versichert mir sie auch gerne wiedersehen zu wollen. Das beruhigt.
Wir gehen zum Hanger und ich erblicke einen als US-Flagge angemalten Doppeldecker mit kurzen Flügelchen und einem riesen Propeller. Es ist eine Pitts. Natürlich das beste Kunstflugzeug das es gibt. Klar. Ist ja auch seine.
15 Minuten wird es dauern. Klingt kurz, aber es wird mir reichen versichert er mirmit einem Grinsen.
Bei meinen Wunsch nach der Nummer mit senkrecht in die Luft zu schießen bis zum Stillstand, dann seitlich abkippen und runtertrudeln lächelt er. Das gehört zum Standardprogramm.

Das dickste Rohr auf dem Flugplatz ist die Spritleitung von dem Ding, wird mir erklärt. Damit will er mir wohl den hohen Preis von 140 EUR für 15 Minuten schönrechnen. Tatsächlich ist es ein gutes Angebot. Denn die Maschine wird mit ihren 260 PS die nächste Zeit fast konstant volle Pulle ihren Dienst tun. Und Privatflugzeugspritversteuerung liegt in einer viel höheren Preisklasse als unser Autosprit, auch wenn es das gleiche Zeug ist.
Mir wird ein Fallschirm umgelegt. Sinnlos und unbequem, aber Vorschrift. Und ohne ihn bekommen wir keine Startgenehmigung. Sinnlos deshalb, weil man als Anfänger es nicht schaffen würde aus einer wild trudelnden Maschine rauszuspringen, wenn z.b. die Tragfläche abgebrochen ist. Noch sinnloser, weil ich viel zu groß bin um in angemessener Zeit aus dem Cockpit zu kommen.
Ich soll Platz nehmen. Gar nicht so einfach bei meiner Länge. Ich falte mich Stück für Stück hinein.
Richtig gemütlich ist es nicht, zumal ich mit meinen Füßen nicht die Pedale und mit meinem Bauch nicht den Steuerknüppel blockieren solle. Klingt sinnvoll.
Mit Gewalt werden die Gurte gestrafft. Ich fühle mich absolut fixiert. Da wackelt nichts mehr. Man ist eins mit der Maschine. So soll es sein.
Die Glasscheibe wird über mir geschlossen. Mein Kopf stößt genau dran. Das ist aber ok, denn durch die gestrafften Gurte werde ich mich bei jedem Flugmanöver um keinen Millimeter nach oben bewegen.
Heinz sitzt hinter mir. Kotztüten hat er nicht. Ich solle meinen T-Shirt Kragen bei Bedarf nach vorne ziehen und den Kopf nach vorn kippen.
Es geht los. Der Motor brummt auf. Die 260PS geben satten Schub. Wir sind 10m in der Luft, da gibt es eine 180 Grad Kurve. Und direkt danach eine 180 Grad Drehung. Über mir ist die Startbahn und wir machen eine Platzrunde. Zum Gurte Nachstraffen.
Wir fliegen in die Kunstflugbox. Den Flugbereich, in dem sich Kunstflieger austoben können.
Heinz beschreibt erst die FLugmanöver, dann erlebe ich sie.
Es geht los mit einem Looping. Meine Bäckchen werden nach unten gezogen, so wie mein ganzer Kopf. Ein irreales Gefühl.
Ich sehe Himmel, dann Erde, dann wieder Horizont.
Es geht weiter. Halber Looping, dann etwas auf dem Kopf fliegen, dann halbe Schraube.
Wieder dreht sich die Welt um mich. Wieder erlebe ich Kräfte, die abwechselnd in alle Richtungen an meinen Armen, Beinen und vor allem meinem Kopf zerren.
An meinem Körper nicht, der ist ja festgetackert durch die Gurte. Sinnloser Weise versuche ich mich mit den Armen festzuhalten, was mir am nächsten Tag Muskelkater einbringt.
Was ab jetzt passiert kann ich schlecht beschreiben. Bei den Manövern dreht sich die Welt in alle Richtungen. Ich gucke nach oben und es dreht sich. Vorne dreht es sich auch. Die Beschleunigungen in alle Richtungen sind enorm. Ich merke, wie sich mein Gesicht zu Grimassen verzerrt und es schwer ist den Kopf oben zu halten. Zarte 4 1/2 G wirken auf mich. Heinz hält sich zurück. Er fliegt normalerweise bis 7 G, will mir aber nicht die Lichter auszuschalten. Einmal sehe ich eine schwarze Wolke vor mir, die langsam größer wird. Aber sich dann doch wieder auflöste als das Manöver rechtzeitig zu Ende geht. Die Beschreibung "Black Out" macht also anscheinend Sinn.
Zwischen den Manövern bitte ich um Pausen von ein paar Sekunden zum Kreislauf stabilisieren. Der Schweiß läuft. Literweise Adrinalin schießt durch die Adern. Der Körper ist in Alarmstimmung. Sowas hat er noch nicht erlebt. Mir ist schleierhaft wie Heinz den Überblick behält. Kunstflugpiloten geht es, nicht wie mir, einfach nur darum bei Bewußtsein zu bleiben, sondern sie wollen die Manöver ganz exakt durchführen. Parallel zu Horizont aus einem Manöver herauskommen und zwischendurch auch alle Winkel erfüllen.

Nach gefühlten 2 Stunden und realen 17 Minuten geht es auf den Rückflug zum Flugplatz. Ich genieße den Ausblick auf eine sich nicht drehende Welt und merke, dass mein Kreislauf echt am Limit ist. Der Flugplatz taucht auf und wird größer. Heinz dreht uns auf den Kopf für die Abschlußplatzrunde. Klar. Mit einem Kunstflieger kann man die ja auch nicht einfach mit den Rädern nach unten machen.
Der Landeanflug gibt das letzte Adrinalin frei.Mit dem Flieger kann man nicht geradeaus landen, denn man kann nicht nach vorne runter gucken. Denn da ist der riesen Motor. Also fliegen wir schräg vorwärts, dass man nach links vorne rausgucken kann. Toll, dass ein Flugzeug so fliegen kann.

Wir landen. Wir rollen. Wir stehen.
Ich schwitze.
An Aussteigen ist gerad nicht zu denken. Mein Kreislauf ist da, wo wir auch wieder sind. Am Boden.
Strahlende Gesichter empfangen mich und ich strahle zurück. Nach einem Liter Wasser auf Ex und 5 Minuten Genießen von 1 G bin ich in der Lage mich aus dem Cockpit zu pellen und mich in den Schatten der Maschine ins Gras fallen zu lassen. Nach einem weiteren Liter Wasser bin ich wieder in der Lage zu reden.
Ob wir das Ding mit senkrecht in die Luft zu schießen bis zum Stillstand, dann seitlich abkippen und runtertrudeln gemacht haben will ich wissen. Klar. Hatte ich mir doch gewünscht. Zweimal sogar. Das war wohl etwas untergegangen in meiner Wahrnehmung. Den erwarteten freien Fall gab es nicht, denn durch das Trudeln
erfährt man die wildesten Kräfte. Wir sitzen noch eine ganze Zeit im Gras. Nach viel Fluggeschichten mache ich mich auf den Heimweg. Ganz gemütlich im Auto. Ohne Loopings. Und Bewegung in nur angenehmen 2 Dimensionen.

Nach 2 Tagen ist das eingemeißelte Grinsen langsam wieder aus meinem Gesicht in einen Normalzustand übergegangen.


Dagegen ist unser Segelfliegen eigentlich sehr einfach zu beschreiben:
Superschön. Ruhig. Ein wundervoller Flug durch die schweizer Alpen.

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