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Kuwait - Erschöpfende indische Gastfreundschaft

Kuwait, Naher Osten - bereist: Mai 2009

Der Tag startet mit einer sehr unterhaltsamen Taxifahrt zum Flughafen von Bahrain für den Flug nach Kuwait. Der Taxifahrer freut sich einen Deutschen an Board zu haben. Wie viele Kinder ich habe, will er wissen und nimmt mit tiefstem Bedauern die Zahl 0 zur Kenntnis. Warum? Ich wäre doch ein toller Kerl, da würden doch tolle Kids bei rumkommen. Ich vertröste ihn auf später. Er hat 9 Kinder mit 17 Enkeln. Schlagartig muss ich an die Überbevölkerung der Welt denken und habe gerade einen der Hauptschuldigen ausgemacht.

Er schenkt mir einen Armreif für Steffi. Er ist nur für sie, sie darf ihn nicht verschenken oder verkaufen. Er wird ihr Glück bringen. Zumindest, wenn ich nicht alles Glück mit dieser Fahrt aufgebraucht habe. Denn mein Fahrer ist 75. Man sieht es ihm zwar nicht so ganz an, aber seine Augen haben das Alter wohl erreicht. Er sieht wohl nicht mehr so gut die Fahrbahn. Und beim Spurenwechsel scheint er sich an den dann neben ihm und hinter ihm aufgeregt hupenden Autos zu orientieren. Immerhin scheinen die Ohren noch zu funktionieren.

Ein sehr schöner Start in den Tag mit einem sehr warmherzigen Menschen.

Und mit einem Arabischkurs.

Begrüßung: "salem alekum" und man antwortet "alekum salam"

Verabschiedung: Hab ich direkt wieder vergessen, das war zu kompliziert.

Danke: Schukudan

 

Kuwait Airport. Andere Länder, andere Schilder. Ich muss über dieses hier schmunzeln  „Veild Ladies Identity check.“ Durch das Symbol verstehe ich die Bedeutung: An diesem Schalter bzw. in einem separaten Raum können Ladies ihre verschleierte Identität kontrollieren lassen, geschützt vor fremden Männeraugen.

Kuwait steht knapp hinter Spitzenreiter Saudi Arabien in Sachen Auslegung und Durchsetzen des Islam im täglichen Leben. Das bedeutet, dass fast alles verboten ist was Spaß macht. Das lerne ich direkt in den ersten 5 Minuten. Ich habe für George Killepitsch mitgebracht, einen leckeren Kräuterlikör aus der schönsten Stadt am Rhein: Düsseldorf.

George holt mich im Flughafen ab und wir trinken dort erstmal einen Espresso. Ich hole den Killepitsch raus und er guckt mich nervös an. Ich erzähle von dem besonderen Gebräu, da unterbricht er mich, ob wir das auf später verschieben können. Alkohol ist verboten in Kuwait. Ob ich am Zoll keine Probleme gehabt hätte?

 

Hatte ich nicht. Dank dem Gesichtsausdruck eines komplett Ahnungslosen. Beim Durchleuchten konnten sie mit den 0,1l Fläschchen wohl nichts anfangen. Der Durchleuchter-Bediener hatte aber eh die Augen zu. Aber vielleicht kann er ja auch durch geschlossene Augen gucken, wenn er schon durch geschlossene Rucksäcke gucken kann.

Auch waren sie im Handgepäck beim Flug von Bahrain nach Kuwait kein Problem auch ohne Plastiktütchen. Klar, sie müssen ja auch keine Anschläge von Islamisten fürchten.

Ich hatte mir Wüste und Ölfelder gewünscht.

Die Ölfelder liegen jedoch eine Autostunde außerhalb und sind gut abgeschirmt vor deutschen Touris. George zeigt mir Teile der Raffinerie, die vom Highway aus zu sehen sind. Auch die sind schon riesig. Fotos verboten. Klar, würde ja auch Spaß machen.

Hier wird also aus schwarzer Mocke grüne Scheine gemacht.

Er stellt mir tausend Fragen. Die Langweiligsten gehen über das Wetter, die Lustigste ob es stimmt, dass man in Deutschland, insbesondere in Bonn(!?), überall Sex haben kann? In Parks, auf der Strasse? Das hätte ihm ein Kollege erzählt, der war schließlich schon da und hätte es gesehen.

Ich stand vor der schwierigen Entscheidung entweder sein Weltbild zu zerstören oder zu lügen. Ich entschied mich für die Wahrheit und habe ihn wohl sehr enttäuscht als ich ihm sage, dass dies nicht immer und überall in Deutschland der Fall ist.

Ob es so sei, dass man einfach ein Mädchen bei uns anspricht und dann mit ihr die Nacht verbringt?

Erneut muss ich ihn enttäuschen, dass dies zwar sicher die meisten versuchen, aber es nur wenigen gelingt.

Schon lustig, welche Stereotypen es so gibt und wie sie wohl entstehen durch prahlende deutschlandgereiste Inder in Kuwait.

Bars gibt es hier nicht, Discos auch nicht. Was man denn hier abends macht will ich wissen. Er arbeitet jeden Abend und gibt Nachhilfe um sein karges Lehrergehalt aufzubessern und um zu sparen. Am Wochenende unternimmt er etwas mit seiner Familie. Was hier Unverheiratete 20 jährige machen, will ich wissen. Mit dem Auto die Strasse am Meer langfahren. Oder in die Mall gehen. Oder man geht an den Strand. Zum Schwimmen. Nicht zum Tauchen, Windsurfen, Bananaboat,... Alles verboten. Außerdem gibt es ein Quallenproblem.

 

  Wir fahren durch Kuwait City. Die Skyline ist beachtlich mit vielen Wolkenkratzern. Am Wahrzeichen von Kuwait, dem kugeligen Wasserturm, gucken wir uns die Stadt von oben an. Hier ist mit Fotos dokumentiert, wie die Iraker bei ihrem Einmarsch hier gewütet und alles kurz und klein geschossen hatten.

 

Ich hatte mir außerdem gewünscht seine Schulklasse wiederzusehen, die wir in Singapur getroffen hatten. Wir fahren in seine Schule. Er hat sich wegen seines Besuches extra frei genommen. Ich habe das Gefühl, dass er vor seinen Kollegen und der Schulrektorin mit mir etwas angeben will. Ein Freund aus Deutschland als Statussymbol. Und das ich. Toll.

George lässt einige Schüler, die wir in Singapur getroffen hatten, zusammentrommeln.

Ich zeige ihnen und seiner Computerklasse Fotos aus Deutschland von unseren Städtchen, Weihnachtsmärkten und alten Bauwerken. Also nichts zum Protzen, nur zum Unterschiede zeigen.

Eine halbe Stunde haben wir Zeit, dann müssen wir uns sputen zum nächsten Programmpunkt: indisches Mittagessen bei George zuhause.

George und seine Familie sind Katholisch.

In einer Vitrine stehen Kruzifixe und Marien von ihrer Jerusalemreise. An der Wand mehrere Poster mit Jesus und Biblischem. Das Handy-Hintergrundbild ist Maria. Dieser Inder in Kuwait ist katholischer und besser ausgestattet als die meisten Katholiken. Auf ihrer Europareise wollen sie auch zwei heilige Orte besuchen, die berühmt sind für Marienerscheinungen.

Es gibt ein Spinat-Linsen-Mätschen, typisch indisch und lecker, besonders typisch arabisches gewürztes Hühnchen, das sich nicht großartig von deutschen Hühnchen unterscheidet und - besondere Gäste, besonderes Essen - Ziegenleber.  Zum Glück so scharf gewürzt, dass es egal ist ob es Leber oder Kalbsfillet ist.

Indisch typisch aus einem runden Metall Napf. Indienuntypisch nehme ich gerne den angebotenen Löffel an und vermenge nicht alles mit den Fingern zu einer Patschematsche.

Dann beginnt der anstrengende Teil an dem indisch-kuwaitischen Essen. Alle 10 Sekunden werde ich gefragt ob es schmeckt. Ob ich dies mag. Ob ich das mag. Ob ich dies lieber mag. Ob ich etwas anderes gerne hätte. Ob ich hiervon noch gerne mehr hätte. Oder davon. Es wird mit immer wieder etwas angeboten. Es folgt dem Sich-Zieren-und-Anbieten-Ritualen, von dem ich in eine Arabien-Knigge-Crashkurs gelesen hatte.

Der Fernseher läuft mit irgendeinem SkyFi, und sie sitzen auf der Sitzbank davor. Dies machen sie immer so.  Unsere Supernanny sollte wohl auch mal hier mal etwas über Kommunikation innerhalb der Familie beim gemeinsamen Essen erzählen.

Bei der Hausherrin, die erst mit Essen anfing, als ich, George und die beiden Söhne fertig waren, sich also um die Reste kümmerte, prahle ich mit meinem Wissen und Herausschmecken von indischen Gewürzen.

Als verheirateter Inder und Familienvater hat man es echt geschafft: man muss sich um nichts mehr kümmern, nur anordnen. Hol dies, hol mir das, mach die Vorhänge zu, hol einen Stuhl, hol Wasser für den Gast.

Hier funktioniert das Patriarchat noch und die Kinder sind auf Spur.

Allerdings färbt es auch auf die Kommunikation mit volljährigen männlichen Gästen aus Deutschland ab. Mir wurde heute oft gesagt, dass ich hierlang gehen sollte, kommen oder stehenbleiben sollte. Das kann zusätzlich dadurch verschärft gewesen sein, dass George Lehrer ist. Und eigene Eigenschaften von deutschen Lehrern sind sicherlich international gültig…

Das Highlight des Tages hatte sich George für den Nachmittag aufbewahrt: Die Mall.

Ich hatte mir einen lebendigen Markt gewünscht, aber die Mall sei ja viel toller. Jetzt am Nachmittag sei wenig los, aber abends und am Woende ist hier richtig voll. Klar, was sollen sie auch anderes tun, ist ja sonst alles verboten.

Die Mall hätte auch das Centro in Oberhausen sein können von der Architektur. Doch unterscheidet es sich in den Shops. Kaum Allerweltsläden (außer natürlich Starbucks), sondern Butiken mit bunten Kleidern, wobei ich niemanden sah, die damit auf der Straße rumlief . Das Straßenbild prägen Verschleierte Frauen in schwarzen Umhängen und Inderinnen in bunten Saris. Daher gab es in der Mall viele Butiken, die voll hingen mit einer großen Auswahl an schwarzen Gewändern und Butiken mit einer großen Auswahl an Kopftüchern.

Die meisten Männer laufen als Scheich rum  in dem typisch arabischen einteiligen strahlendweissen Gewand mit Kopftuch und dem doppelten schwarzen oder rotem Band um den Kopf.

Ein Bild prägt sich in meinen Kopf: Ein Scheich, der mit seinem blütenweißen Umhang und Kopftuch vor einem riesen Regal mit Ariel-Paketen steht, dem Inbegriff für weisser-als-weisse-Oberhemden seit der Klementine-Werbung vor 30 Jahren.

Dummerweise mache ich auch am Eingang der Mall ein paar Fotos, wo ein als Scheich getarnter Wächter auf mich zusteuert und meine Kamera inspizieren will. Ich oute mich als neugierigen deutschen Touri. Er lächelt, schüttelt mir die Hand, "no problem", besteht aber auf seiner Durchsuchung. Und dann auf dem Löschen von einigen Fotos, auf denen ich heimlich ein paar Personen geknippst hatte. Z.b. Den Scheich vor den Ariel Paketen. Oder dem Päärchen, die ihren Einkaufswagen durch die Gänge schieben. So wie es auch in Deutschland sein könnte, jedoch ist hier bei dem Päärchen er komplett in weiße Gewänder gehüllt, sie komplett in Schwarze.

 

Nur gut, dass zu Hause eine Undelete-Software auf mich wartet.

Wir fahren in einen kleinen Laden, der Wohnzimmergemütlichkeit mit viel Holz und vielen ideenreichen Gestecken hat: Ein Blumenladen in der Wüste. Leider ist nichts von all dem hier transportabel bis Deutschland.

 

Ebenfalls im Arabien-Crashkurs stand: sag nicht, dass etwas schön ist, sonst schenken sie es Dir. Lobe nur das Ambiente im allgemeinen.

Das hatte ich leider kurzfristig falsch gemacht und ich bekomme ein Rosengesteck geschenkt.

Allein der Rückflug nach Bahrain heute Abend wäre das Todesurteil für die Rosen. Ich bitte ihn aus diesem Grund das wunderschöne Geschenk an seine Frau als Dank für das wunderbare Essen weiterschenken zu dürfen. Der Trick klappt.

 

George bringt mich zum Flughafen, wir verabschieden uns ewig lang. Eigentlich ist an dem Tag mehr als genug passiert und ich hab schon genug zu schreiben. Aber dann passiert noch etwas was Sinn macht aufzuschreiben…

 

Ich warte auf den Flieger und komme mit dem nicht-arabischen Mädel neben mir ins Gespräch. Vom Aussehen könnte sie einen ganz normalen Job in einer ganz normalen Firma machen. Dunkelblonde Haare mit Strähnchen, schulterlang mit Pferdeschwanz, ca. Mitte 30, Jeans, Pullover. Ihr überdiminsionierter Rucksack in Wüstenfarbe passt nur nicht ganz ins Bild und auch nicht ihre klobigen Stiefel.

 

Sie arbeitet auch nicht in einer normalen Firma, sondern bei der US Army. Und kommt gerade für eine Woche Papierkram erledigen in den Stützpunkt nach Bahrain. Ich sage ihr, dass sie nicht gerad in mein Bild eines weiblichen Soldaten passe sie nicht sonderlich gefährlich aussehe. Sei sie aber, versichert sie mit einem Lachen. Sie ist „Gunner“ an einem 16irgendwas Maschinengewehr auf einem Schnellboot. Sie hat gerad ihre Waffen in Kuwait zwischengelagert, sich umgezogen und freut sich auf eine ruhige Zeit im Büro.

Erschöpft vom saufrühen Aufstehen und von 10 Stunden Ausgeliefertsein intensiver indischer Gastfreundschaft genieße ich den einstündigen Flugzeugschlaf.

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