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Pilgerung mit 100.000+ Gläubigen um den heiligen Berg

Indien - bereist: Januar 2012

In Thiruvannamalai werden heute zum Vollmondfest mehr als 100.000 Pilger erwartet. Die beiden Touris aus Deutschland werden nicht erwartet - wir hatten, wie immer, nicht reserviert. Die Stadt explodiert vor Menschen. Unser Wunschhotel ist natürlich voll. Sowie, nach einem Telefonrundumschlag, auch alle anderen Hotels, die im Travelguide angegeben sind. Asianrooms.com hat auch nichts zu bieten. Eine Hotelangestellte hat noch eine Idee: Ein recht neues Hotel. Sie haben tatsächlich genau ein Zimmer frei. Die Suite. Perfekt. Was doch indische Götter für eine deutsche Kreditkarte bewegen können.

P1020344Uns wird die Suite gezeigt. Und der Blick vom Balkon auf zwei Berge. “sehen nett aus” war unser Eindruck. Europäisch betrachtet sind es zwei 500m hohe Berge. Indisch betrachtet sind sie sehr heilig, wie wir später lesen. Hier haben sich die wichtigsten Götter darum gezankt, wer der wichtigere sei. Indische Augen erleben sie auch etwas anders als deutsche: “As devotees (Gläubige) travel towards the holy hill their hearts yearn (schreien nach) from the first glimpse (Blick) of the holy hill  and when it comes in view they prey with gratitude for being drawn to its divine (göttlich) presence. Their experience being in this presence is so indescribable and unforgettable.”. Wie man anscheinend etwas anders sieht, wenn man nur ein Vermögen für die Pilgerung bezahlt hat und dran glaubt.

 

Wir erwarten ein großes spirituelles Ereignis in dieser traditionellen Pilgerstadt zu Vollmond. An der Rezeption sagt man uns, dass das Ziel der Pilger sei einmal die 14km um den Berg herum zu laufen. Dabei an den 14 Tempelchen zu beten. In der Stadt sei sonst nichts besonderes los.

 

 

Es wird gerade dunkel als wir die Straße betreten und mit der Menge mitschwimmen. Am Wegesrand gibt es zahlreiche Snacks, Getränke, Devotionalien und Blumenhändler.  Steffi wird von mir reich beschenkt mit einer roten Rose, einer ein meter langen Kette aus Blüten geknüpft (für 0,30 EUR) und gelben Blüten fürs Haar. Die Blüten fürs Haar haben wir in einer Plastiktüte erhalten. Die restlichen verschenke ich an mitpilgernde Mädels und ernte viel Lächeln. Nicht bei allen, aber bei den meisten. Meine Heiratschancen an dem Abend waren wohl recht hoch. Besonders bei den 3, die uns kichernd und giggelnd eine Weile verfolgten und uns fragten, ob wir ein Foto von ihnen machen.

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Einige alte Frauen, die am Wegesrand saßen und bettelten, nahmen die Blumen in beide Hände und führten sie zum Kopf. Was wohl in ihrem Kopf vorging.

Es waren ein paar wenige Westler unterwegs. In “Normalen” Klamotten, wie wir, waren nur 2 gekleidet. Es überwiegte der Stil der wallenden Tücher. Die Stimmung war wie ein gemeinsames schnelles Gehen, Etwas spirituelles konnten wir nicht erleben, außer vielleicht etwas das Beten an den Tempeln. Vor allem vermissten wir Gesänge oder gemeinsames Beten. An den Tempelchen brannte ein Feuer, über das man seine Hände hielt und zum Kopf führte. In dem ersten Tempelchen sind wir reingegangen. Man musste die Schuhe ausziehen und wir wateten durch einen Kuhstall. In dem Tempel lagen 3 Kühe. Im Uhrzeigersinn geht es durch den Tempel. In der Mitte steht ein Hinduschrein, der, wie alle Hindu Schreine, nicht sehr beeindruckend ist.

 

Am Wegesrand liegen unzählige Bettler und Krüppel mit den übelsten fehlenden oder verkrümmten Gliedmaßen. Einige Bilder von Göttern wurden kunstvoll auf die Straße gemalt.

 

Wir sehen eine Gruppe von Indern und Westlern mit einem Schild. Einigen Indern hängt eine Gesichtshälfte wie Schokoladenpudding bis zum Hals herunter. Sie haben Tumore, die sich rasch ausbreiten und im Plexi Stadium sind, die kein Westler erreicht, da er vorher operiert wird. Wir lernen Ben aus Boston kennen. Er steht in der Gruppe und hilft diesen vom Glück vergessenden. Er hat einen Arzt in USA überredet nach Indien zu kommen und zu operieren. Kostenlos. Nun sammeln sie für den Flug. Ben lebt abgeschieden in den Bergen von Boston. Er habe “Not many Bills”, fährt Fahrrad und ist die hälfte des Jahres hier um zu helfen. Er ist der einzige von 12 Geschwistern ohne Familie und scheint einen Sinn für sein Leben gefunden zu haben. Mit höchstem Respekt vor einem eindrucksvollen Mann verabschieden wir uns mit einer Spende.

 

Vor einem Tempel lernen wir Sings kennen. Dies ist sein spiritueller Name. Er kommt aus Kanada und ist seit 3 Jahren Yoga und Meditations Lehrer für einen Ashram. Wir leben alle in einem Leben voll von Mustern (Patterns), im Ashram hat er und seine Frau einen neuen Lebenssinn gefunden vor 3 Jahren.

 

Mit seinem weißen Tuch-Umhang, den 2mm langen Haaren, den weißen Strichen auf der Stirn, einer Holzkette und einem seligen Lächeln kann man ihm das glauben.

So sah der große Tempel am nächsten Tag aus:

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