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Soweto Tour

Südafrika 2010 - bereist: November 2010

IMG 2566 (Large)In Afrika kann man recht leicht eingesperrt sein: wenn man zuwenig oder zuviel Geld hat. Die armen Schlucker landen im Knast beim täglichen Kampf zu überleben. Mangels Jobs müssen sie sich andere Einnahmequellen suchen. Die Reichen lassen sich einsperren hinter hohen Mauern, die aufgerüstet mit elektrischem Stacheldraht jeden auf seiner zugewiesenen Seite im Leben halten. An den Einfahrten prangen Schilder der Überwachungsfirmen, die für 24 stündige Ruhe am Tag sorgt. Mit einem Hinweis auf bewaffnete Mitarbeiter. Sie patrolieren zu Fuß und in Autos umher und sorgen dafür, dass keiner anhält (ja, anhalten ist verboten) und auf dumme Ideen kommt. Der berühmteste Bewohner dieses Stadtteils ist Nelson Mandela, der führende Anti-Apartheid-Kämpfer Südafrikas und der erste schwarze Präsident des Landes (1994-1999) nach langem Kampf zwischen den Rassen.

 

Die Tour geht weiter von ganz reich zu ganz arm. Wir fahren durch Hillbrow, einem Stadtteil, den babu, unser  Guide, als kosmoplitisch bezeichnet. Hier leben Mitglieder aller afrikanischer Völker zusammen. Der größte Teil illegal. Mangels Papieren kommen sie weder zurück in ihre Heimat, noch bekommen sie einen Job in Südafrika. Bei 26% Arbeitslosigkeit im Land sind sie nicht die einzigen. Es ibt keine soziale Absicherung. Kein Harz-4, das einem das Recht auf Heizung und Fernsehen sichert. Was ihnen bleibt sind Minijobs an Ampeln: Getränkeverkaufen oder gegen eine kleine Gebühr Abfall der Fahrer entsorgen. Oder halt Kriminalität. Wobei sie wohl nicht für eine neue Playstation stehlen, sondern zum Überleben von sich und ihrer Familie. Babu zeigt auf einen der überfüllten Minubusse und meint: Wieviele Brotverdiener für eine ganze Familie da wohl drinsitzen. Wenn ihnen etwas passiert, dann hungert die Familie. Womöglich bis zur nächsten Hochzeit, wo dann ein neuer Brotverdiener gefunden wird.

 

Das Straßenbild bestimmen Billigläden und Telefonläden. Ein KFC hat sich getraut hier aufzumachen. Es ist einer der wenigen Orte der Welt, die nicht von Starbucks und Mc Donalds besiedelt ist. Sehr viele Männer unterschiedlichen Alters sitzen herum, lehnen an der Wand, unterhalten sich. Ich bin wahrscheinlich der einzige Weiße in recht großem Umkreis. Babu ist schwarz und auch die beiden Ladies aus USA, die die Tour mitmachen.

 

Nach Reich und Arm kommt nun Freude. Wir fahren dahin, wo diesen Jahres die weltgrößte Party stadtfand: Die Fußball WM. Die Eröffnungs- und Abschlußfeier fand in Johannesburg statt. Das erste Tor der WM, das auch noch ein Südafrikaner geschossen hat, fiel hier, erzählt der Guide sehr stolz. Das Stadion ist nicht besonders hübsch, dafür aber riesig. Es fasst 95.000 Zuschauer, die zur WM auch alle da waren. Selbst nach der WM wird das Stadion öfters gefüllt, wenn die lokalen Mega-Fußballclubs aufeinanderprallen. Ob er stolz ist Südafrikaner zu sein, will ich von Babu wissen. Sehr! Ist seine Antwort. Sein Land, das soviel geschafft hat nach so großen Problemen der Apartheid. Wo so viele unterschiedlichste Menschen zusammenleben. Das so eine fantastische Fußball WM geliefert hat. Mit soviel Freude und soviel Begeisterung. Sport verbindet Kulturen und ethnische Gruppen.

 

Es geht weiter durch Soweto, der Wiege der Anti-Apartheids Proteste. Hier wohnten in einer Straße zwei Nobelpreisträger: Nelson Mandela und Desmond Tutu. Soweto ist in viele Stadtteile aufgeteilt. Von Reich bis arm. Von Massenwohnsiedlungen ohne Wasser und Strom bis zu Mittelschichts-Häuschen mit blumengeschmückten Vorgärten. Wir fahren an einer Hochzeit vorbei. Leider ist die Braut nicht zu sehen, die traditionell afrikanisch gekleideten Gäste sind gerade beim Essen.

 

Es geht weiter zum Abschluß der Fahrt: Dem Apartheids Museum. Per Zufall bekommt man eine Eintrittskarte, die einen in die Gruppe „Weiß“ oder Nicht-Weiß einteilt. Welch sinnige Analogie zum Leben. Mit wieviel Glück habe ich es geschafft die Hautfarbe zu haben, mit der man per Geburt die wenigsten Probleme und die größten Chancen erhält. Entsprechend der Eintrittskarte geht man in den einen Eingang für Weiße oder halt den anderen. So wie es in Zeiten der Apartheid auch war: Telefonhäuschen für weiße und für schwarze. Toiletten ebenso wie Strände, Sitzreihen in Bussen und Gehwege. Das Museum zeigt den steinigen Weg von der Apartheid zu einer Demokratie mit einem schwarzen Präsidenten. Steine, Streichhölzer  und Molotowcocktails waren die Waffen der Schwarzen. Panzer, Gewehre, Knüppel und Tränengas die Waffen der Weißen.

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Sehr beeindruckend fand ich das Foto, das eine ewig lange Menschenschlange zeigt, die zum Wählen ansteht um Ihren Nelson Mandela und sich eine Zukunft zu wählen. Wie wichtig eine Wahl in manchen Ländern gesehen wird - und wie selbstverständlich sie bei uns ist und man nicht mehr hingeht:

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Die Apartheid ist vorbei. Die ganz großen Ungerechtigkeiten auch. Früher konnte ein schwarzer Mienenarbeiter für seinen lebensgefährlichen Job nach einem Hungerlohn am Anfang zum Ende seiner Kariere unter Tage einen Bruchteil von dem Verdienen, was ein weißer Minen-Büroangesteller zum Beginn seines Jobs verdiente. Es bleiben im Vergleich kleinere Ungerechtigkeiten. In den Büros findet man überwiegend Weiße. Die einfacheren Arbeiten werden von Schwarzen ausgeführt (ich habe keine Ausnahme gesehen) wie Teller abräumen, Putzjobs und Nachtwächter.

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