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Man sollte mal feucht durchwischen - Innen wunderschön - außen Massaker für Nase, Ohren und Augen: Das Taj Mahal in Agra

Indien - bereist: Januar 2012

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Früh morgens geht es mit dem Zug nach Agra. Der Zug heißt “Taj Express”. Den Titel “Express” hat er sich damit verdient, dass er die 188 km in rasenden 3 Stunden zurücklegt.

Wir kommen im Hotel an. Seit den Anschlägen auf das Taj Luxushotel in Bombay vor ein paar Jahren hat jedes gehobene Hotel eine security mit Metalldetektor und Taschendurchleuchtung.
Auch unser Hotel wollte wohl den Eindruck von Wichtigkeit erwecken trotz der 25 EUR Übernachtungsgage, In unserem Hotel verläuft die Kontrolle sehr “indisch”: Ein Security-Mensch hat so ein Pieps Dings wie bei der Security Durchleuchtung auf einem Flughafen.
Er hält es an meinen Rucksack. Es piept.
Er hält es an meinen kleinen Rucksack. Es piept.
Er hält es an meine Hosentasche. Es piept.
Er hält es an Steffis Rucksack. Es piept.
Er hält es an Steffis kleinen Rucksack. Es piept.
Er nickt und wir können reingehen.

Das Taj Mahal wurde einer Grundreinigung unterzogen vor ein paar Jahren, der Rest von Agra leider nicht. “Man sollte mal feucht durchwischen” fiel Steffi dazu ein. Die engen Gassen mit Abwasserkanälen, Schwärmen von Motor- und Fahrradrikschas den Big 5 Indiens Straßen (Kuh, Kamel, Esel, Pferd und Ochse - einzeln oder vor einem Karren), dazu Hunden, Schweinen und Affen und Millionen Inder machen es zu einem Bombardement für alle Sinne.
Wir suchen Frühstück. In unserem 12 Jahre alten Travelguide für den Norden steht Joney’s Place als ganz nett drin und ich habe es für ein leckeres Mango Lassi vor 10 Jahren in Erinnerung. Der Schwarm Fliegen am Eingang und die stickige Luft drinnen überzeugen zum Weiterghen. So finden wir ein
“Top Roof Restaurant”, also ein Dachterrassen Restaurant, mit einem sympathisch schauenden alten Inder und dem Schild “Healthy food made with love”. Das überzeugt. Vom Dach in der zweiten Etage haben wir einen perfekten Blick auf das Chaos am Kreisverkehr unter uns. Die paar Meter von oben geben einen entspannenden Abstand, den wir mit Chai und Banana Lassi genießen. Und Hupen aus dieser Entfernung klingen wesentlich milder als direkt neben einem.

Im alten roten Fort bestaunen wir, wie gut man es sich als Mogul vor 500 Jahren hat gehen lassen. Klimatisierte Räume (mit doppelten Wänden in denen Wasser floss), Hängematten, Pool, Springbrunnen, Musikanlagen aus Menschen.
Wir stellen uns vor, wie Angela Merkel einen neuen Palast für sich plant. Ihre 200 Konkurbiner (statt Konkurbienen) castet Dieter Bohlen mit “Deutschland sucht den Superstecher” oder “Unsere Männer für Merkel” heraus. Und sie lässt für 400 Millionen Euro ein Mausoleum für ihren geliebten Mann und sich erreichten.

Mit der Fahrradrikscha geht es auf die andere Flussseite für einen spektakulären Sonnenuntergang mit Taj Mahal als Kulisse. Überfüllte Straßen, auf der kein Quadratzentimeter ungenutzt bleibt, sind per Fahrradrikscha ein noch intensiveres Erlebnis. Im Zick Zack geht es um die langsameren oder stehenden Objekte wie hoffnungslos überladene Transport Fahrradrikschas, Kühe und Hunde. Im Zick Zack wird man von den schnelleren Objekten wie Motorradrikschas überholt. Geradeaus geht es für die gehobenen Mitglieder der Nahrungskette wie Bussen und LKWs, die mit lautem intensiven Hupen ihr Recht erhalten. Als Verkehrsregel konnten wir ausmachen: “Vorne vor hinten” statt “links vor rechts” (Linksverkehr!). D.h. man manövriert um andere Verkehrsteilnehmer und die hinter einem fahrenden weichen einem aus. Abbiegen funktioniert durch nahtloses einfügen in den Querverkehr. Es fließt. Nicht besonders schnell, aber es funktioniert. Meistens zumindest.  


Hart fürs Gemüt ist die Armut, wie viele Menschen im Dreck leben. In Indien leben mehr als 60% unterhalts der Armutsgrenze, die hier sicher niedriger definiert ist als der Harz 4 Satz bei uns. Das sind 700.000.000 Inder. Fast 10 mal soviel wie in Deutschland überhaupt leben. Delhi hat fast soviele Einwohner wie die neuen Bundesländer. Indien wächst jedes Jahr um die Einwohnerzahl von Australien - 20 Millionen. Elefantöse Zahlen...

 

P1020001Der Sonnenuntergang bleib dank Nebel und Smog unspektakulär, aber der Blick aufs Taj aus dieser Perspektive ist fantastisch. Und mit zig Fotos sehr gut dokumentiert von uns.
Wir versuchen ein “Sprungfoto” mit Steffi aufzunehmen. Ein indischer Junge guckt sich das an und bietet seine Hilfe an. Ich verneine mit all dem Stolz eiones Superfotografen. Er guckt sich mehrere Versuche an und meint “You make multiple Fotos, i make only one”. Er fotografiert ein paar mexikanische Touris und neidvoll gucken wir auf deren Sprungfotos. Er übernimmt das Kommando über unsere Kamera und facebook vermeldet ein paar Stunden später unseren neuen Status mit imposanten Fotos.
 
Zum Frühstück freuen wir uns auf einen banana pancake in dem bereits erprobten toproof Restaurant, das mit love kocht.
Der 10 minütige Gang bis dort im nebeligen Agra ist eine Zumutung für die Nase. Selten wurde ihr so ein intensiver Müll- und Abwassergeruch angeboten, der besonders intensiv bei einem ungefrühstückten Magen wirkte. An der Stelle mit dem intensivsten Abwassergeruch steht das “Hotel Kamal”, das wir zu “Hotel Kanal” umtauften und uns freuten, dass unser Hotel in 500 m recht geruchsarm lag.  
Unser Toproof Restaurant war sehr beliebt bei Koreanern und anscheinend in einem koreanischen Travelguide angepriesen. Dadurch konnten wir mit einer stundenlange Wartezeit durch die Miniaturküche rechnen. Die Stimmung war down, da wir nichts anderes leckeres gesehen hatten. Die Rettung war das “Cafe Coffee day”. Hinter einer Glasfront hinter einer Glastür, was für Entlastung der Nase sorgte, gab es das, was ein Tourimagen zum Frühstück verkraftet und will: Cappuchino, Muffins, Brownies.

Wir kommen mit einem englischen Traveller ins Gespräch. Er war heute schon im Taj und präsentierte uns sein Foto: Komplettes gräuliches Weiß. Taj Mahal im Nebel. Und dafür war er schon nah dran. Wir geben ihm Hoffnung, dass es jeden Tag so neblig war und nachmittags viel besser wurde.

Mit unserem Kauf der Tickets verschwand der Nebel, so dass wir das Taj strahlend in der Sonne erlebten. Das angeblich schönste Gebäude der Welt. “Denkmal unvergänglicher Liebe”. In perfekter Symmetrie gebaut und die Vollendung eines bestehenden Baustils seiner Epoche. Mit hunderten neuen Fotos beladen verlassen wir nach einem sehr schönen Tag das Taj. Und landen nach dem Ausgang direkt wieder im Chaos und Dreck von Agra. Typisch indisches Kontrastprogramm.

Nachts hatte ich eine Geschäftsidee für den indischen Jungen, der uns die coolen Sprungfotos bescherte:  “Perfect Tourist Fotos”. Jeder allein Reisende bekommt keine guten Fotos von sich, da er immer irgendwelchen Nichtskönnern seine Kamera gibt. Paare haben immer tolle Fotos von ihr, da sie das bessere Fotomotiv (Steffi hat mir den Satz verboten: Da er der bessere Fotograph ist), aber selten tolle gemeinsame Fotos. Er könnte sein Fotographiekönnen den Touris anbieten. “You spent 500$ for your perfekt camera. Why not spend 2$ for a perfekt picture.”. Dezent touris ansprechen, die sich gerad selber fotografieren. Mit einer ansprechenden Mappe von bereits geschossenen Touris. Mit der Kamera der Touris, so dass sie nicht einen Ausdruck rumschleppen müssen. Zig Fotos, soviel sie wollen. Mit einer sauberen Yogamatte, so dass er die Kamera nicht in den Dreck legen muss für Froschperspektiven.
Sicher bräuchte er dafür Startkapital. Vielleicht 50 EUR. Oder 100. Die würden wir ihm geben.

Nach dem Taj Mahal Tag fahren wir zur anderen Uferseite und suchen ihn, um ihm die Idee vorzuschlagen. Er ist nicht da, aber sein Bruder, der ebenfalls Touris manchmal fotografiert. Er macht weitere Fotos von uns und stellt sein Können unter Beweis. Unseren Vorschlag blockt er ab. Hinter uns ist ein Polizei Kontrollposten. Sie wollen nicht, dass er Geld verdient mit Touris. Jeden Monat wechselt die Truppe. Manche verbieten es, manche wollen Geld. Einen Fixbetrag, so dass sich die Arbeit nicht lohnt. Polizei hat durch ihre Uniform unerschöpfliche Macht zu drangsalieren und bestochen zu werden. Wir stehen am “kostenlosen” Ufer. Nebenan ist der kostenpflichtige Bereich mit einem garten. Um dort fotografieren zu können, würde er eine license benötigen, die er sich nicht leisten kann. Sie liegt bei 1500-3000 EUR. So bleibt Talent ungenutzt. Und Scheinchen in den Taschen der Touris und nicht derer, die ihnen den Urlaub verschönern und sie besser gebrauchen könnten.

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